»Entdeckung einer Brahms-Bach Bearbeitung«

Eine überraschende Entdeckung – Aufführung einer Brahms-Bach-Bearbeitung
02.09.2013 | 13:00
Gächinger Kantorei & Bach Collegium Stuttgart - Hans-Christoph Rademann Leitung
Kantate »Ich hatte viel Bekümmernis« BWV 21

 

Johannes Brahms (1833-1897) verehrte die Werke Johann Sebastian Bachs. Sie blieben für ihn zeitlebens »Sterne erster Größe«. Brahms führte nicht nur Bachs Klavierwerke auf, sondern ließ sich auch von Bachs Gesamtwerk für seine eigenen Kompositionen anregen. U.a. im Scherzo der Sonate für Klavier und Violoncello in e-Moll op. 38, dessen erste Motive sich fast mit dem Thema aus Bachs »Kunst der Fuge« deckt. Oder im letzten Satz der Vierten Symphonie in e-Moll op. 98, einer Passacaglia-Chaconne zu dem Brahms durch eine Bach-Kantate angeregt wurde. Zu Bachs Kantatenwerk hegte Brahms ein besonderes Verhältnis.

Von 1872 bis 1875 war Brahms Konzert-Direktor der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Anfang des 19. Jahrhunderts gerieten Bachs Werke in Vergessenheit, da in der Romantikepoche empfindsame und virtuos-schwärmerische Kompositionen „en vogue“ waren. Bachs Werke galten in dieser Zeit, durch ihre streng polyphone Form, als schulmeisterlich. Erst durch den Einsatz Mendelssohn Bartholdys wurden diese wieder aufgeführt. Brahms, der neben eigenen Werken auch Werke anderer Komponisten bearbeitete, schloss sich der Bewegung an.

Die Neue Freie Presse schrieb dazu am 10. Dezember 1873 in einer Zeitungskritik:  »[…] Es ist eines der vielen großen Verdienste des Concert-Dirigenten Brahms, daß er diesen (wahrscheinlich noch nirgends gegebenen) Chor hier zur Aufführung brachte, und eine der höchsten Kunstleistungen unseres Singvereins, daß er diese Aufgabe vortrefflich löste. […]«. 

Brahms selbst schrieb in einem Brief aus dem Jahre 1874 über seine Beschäftigung mit Bachs Werken an den Musikwissenschaftler Philipp Spitta (1801-1859): »Mir waren diese Cantaten […] die frappantesten und genußvollsten Abenteuer im Conzertleben«. 

Vor wenigen Wochen entdeckte der Brahms-Forscher Robert Pascall (Nottingham) im Archiv der Wiener Singakademie eine unbekannte Brahms-Bearbeitung aus dem Jahr 1863 der Bach-Kantate BWV 21 »Ich hatte viel Bekümmernis«. Die Internationale Bachakademie unter Leitung von Hans-Christoph Rademann führte es erstmals seit Brahms‘ Tod im Rahmen des MUSIKFESTUTTGART 2013 als Kooperationsprojekt mit der Gesellschaft der Musikfreunde Wien und der Johannes-Brahms-Gesamtausgabe der Universität Kiel, auf. Hierzu wurde bei einem Symposium im Stuttgarter Fruchtkasten neben Vorträgen verschiedener Musikwissenschaftler, auch mit einer Faksimile-Ausstellung, die Kantate näher erläutert. Spannend fand ich, dass durch diesen Einblick, Brahms Arbeitsweise anschaulich nachvollzogen werden konnte.

Brahms-Bach-Bearbeitungen und Aufführungen:

   1864 Weihnachts-Oratorium BWV 248
   1875 Matthäus-Passion BWV 244
   1879 h-Moll-Messe BWV 232
   1880 Choral „Was Gott thut, das ist wohlgethan«
  
  zwischen 1858-1875 fünf Kantaten 
     »Christ lag in Todesbanden« BWV 4
     »Liebster Gott, wann wird‘ ich sterben?« BWV 8
     »Ich hatte viel Bekümmernis« BWV 21
     »O ewiges Feuer« BWV 34
     »Nun ist das Heil und die Kraft« BWV 50
     

   rechts: Partitur der Bach-Kantate  BWV 4
   links: Brahms-Bearbeitung